Ice Ice Baby: echt gedreht, mit KI verdreht

Ice Ice Baby: echt gedreht, mit KI verdreht

So entstand die Kaufland-Werbung mit KI: echte Menschen, virtuelle Sets, Verwandlungen im 90s-Beat — der Breakdown.

Ich hatte gerade erst ein Projekt beendet, da klingelte mein Handy. Es war Alireza, ein Producer, mit dem ich früher schon zusammengearbeitet hatte. Und die Projekte waren immer cool. Alireza fragte mich, ob ich spontan verfügbar sei und hängte die Frage an: „Du machst doch jetzt auch KI, oder?“

Ja, es passte, und als ich das abgefahrene Regiekonzept für eine Kaufland-Werbung mit KI in den Händen hielt, „Sommer, Beat… Vanilla Ice!?“, war ich sofort dabei. Und schon ging es ans Werk. Auf meinem Tisch landeten zwei Einstellungen – von den Charakterbögen für Figuren und Requisiten über die Animation der Shots bis zur Übergabe ins Compositing.

Konzept

Die Kaufland-Werbung für ihre Eiscreme-Eigenmarken verbindet echte Menschen und echten Style mit einer Welt drumherum, die vollständig aus der KI stammt. Sets, Verwandlungen, Übergänge entstehen aus Vorstellungskraft und Prompting-Ausdauer. EASYdoesit produzierte den Spot unter der Regie von David Aufdembrinke.

‚Ice Ice Baby‘, mit KI produziert. Regie: David Aufdembrinke, Produktion: EASYdoesit. © Kaufland-Gruppe

Anhand meiner zwei Einstellungen zeige ich, wie eine KI-Hybrid-Produktion aktuell funktioniert: wo der Dreh endet, wo die KI beginnt und welche Arbeit dahintersteckt.


Herausforderungen

Wenn das Thema KI-Bilder und Videos erstellen nicht mehr ganz neu für dich ist, hast du vom berühmt-berüchtigten KI-Drift vielleicht schon mal gehört, oder es sogar schon mal selbst erlebt – Gesichter, Details, Proportionen verändern sich mit jeder KI-Generation, sodass Protagonisten und Produkte von einer Einstellung zur nächsten anders aussehen, als sie sollen. Mit einer Markenproduktion ist dieser Drift unvereinbar.

Der Zoom entlarvt den Drift – Schriftzüge und Logos zerfallen zu Matsch.

Um solche ungewollten Effekte zu vermeiden, mussten Bilder sowie Videos etliche Male generiert und Details aus dem Originalmaterial zurück geholt werden. Und bei jeder Regie-Anpassung muss man im Gegensatz zur herkömmlichen Visual-Effects-Produktion oft ganz von vorne beginnen – Startframe, Endframe, Videogeneration, alles nochmal. Darum ist es momentan noch ein Trugschluss, zu glauben, KI sei schneller und günstiger. Aufwand und Kosten verteilen sich nur anders. Außerdem brachte jede Kameraeinstellung noch ihre eigenen Kinkerlitzchen mit sich.


So sind meine zwei Shots entstanden

Shot 1: Auftritt aus dem Kühlregal

Ein Shot beginnt damit, dass ein Protagonist aus einem Kühlregal steigt, die Arme voller Eispackungen. Das Problem: Filmen konnte man erst ab dem Moment, als er schon vor der offenen Tür stand. Die Sekunden davor – das Herauskommen aus dem Kühlregal – gab es deshalb nicht als Aufnahme. Sie mussten erst per KI ergänzt werden, bevor überhaupt an die eigentliche KI-Welt zu denken war.

Der Weg dahin läuft über mehrere Stationen. Zuerst die Frames: Start- und Endbild der Animation entstehen als eigene KI-Generationen. Das Anschauungsmaterial unten zeigt den Aufbau des Endframes – und wie viel Steuerung darin steckt.

Kaufland-Werbung mit KI: Prompt-Aufbau zur Charakterkonsistenz – Szenenhintergrund, Greenscreen-Aufnahme, Character Sheets, Floorplan und farbcodiertes Kompositionsschema.
Sechs Referenzen greifen ineinander: ein Bild liefert den Hintergrund, eines die gedrehte Aktion, zwei die Charakterbögen, ein Grundriss die Raumlogik, ein farbcodiertes Schema die Platzierung im Bild – bis hin zu der Frage, welche Tür sich in welche Richtung öffnet. Nichts davon bleibt dem Modell überlassen.

Genau hier wird auch der Drift eingefangen. Für jede Figur und die zentralen Requisiten haben wir Charakterbögen angelegt – Ansichten aus mehreren Winkeln, dazu Frisur- und Kostümdetails. Einen Teil des virtuellen Grundrisses habe ich selbst rekonstruiert, damit das Modell weiß, in welche Richtung die Kühlregaltür offen sein soll.

Aber weil ein Durchlauf meistens nicht reicht, um alle Unstimmigkeiten zu beseitigen, folgte ein weiterer Durchlauf, um Details wie ihre Frisur und seine Brille nachzubessern.

„He must wear the white, stylized glasses with the opaque triangular lenses […]. She must have the correct hairstyle […]. Leave all other areas unchanged. Maintain poses and expressions as they are.“

Wie alles zusammen in Bewegung kommt

Wenn Start- und Endframe feststehen, beginnt die Video-Erstellung. Im Omni-Modell landen nicht nur diese beiden Bilder, sondern auch die Charakterbögen und das Türschema – dieselbe Steuerung wie im Standbild, jetzt für die Bewegung. Und hier kommt der entscheidende Kniff: die Bewegungsreferenz. Sie überträgt echte Bewegungen auf die Videoerstellung und bringt so die Lebendigkeit der echten Aufnahme ins KI-Bild. Der erste Teil der Bewegung – das Heraussteigen – existierte aber nicht.

Deshalb habe ich ihn als Greenscreen-Einsatz erstellt und vorne an die echte Aufnahme angefügt. Aus erfundenem Anfang und gedrehtem Rest wird eine durchgehende Referenz, an der das Modell die ganze Aktion ausrichtet: erfundene Sekunden, die sich nahtlos ins Schauspiel einfügen. Zum Schluss hole ich Details aus dem Standbild und dem Originalmaterial zurück, damit die Produkte in den Kühlregalen scharf und markentreu bleiben.

Vom Rohmaterial zur KI-Szene. Regie: David Aufdembrinke, Produktion: EASYdoesit. © Kaufland-Gruppe

Bei Farbanpassungen hat mich Julian Trunke unterstützt, bei Retuschen Marius Schwiegk. Der letzte Feinschliff im Compositing, etwa der Kältedampf, geht auf Bernd Macht zurück.

Shot 2: Vom Genussmoment zum Lowrider

Im anderen Shot verwandelt sich die Protagonistin, sobald sie das Eis schmeckt. Ihr legeres Outfit geht dabei organisch in einen roten Trainingsanzug mit Kaufland-Muster über. Gleichzeitig bewegt sich die Kamera aus der Nahaufnahme ihres Gesichts in einem Bogen zurück und endet in einer seitlichen Totalen, die sie in ihrer vollständig verwandelten Pracht zeigt. Zwei präzise choreografierte Bewegungen greifen dabei nahtlos ineinander: die Verwandlung und die Kamerafahrt.

Und dann der Wagen. Gefilmt wurde ein normaler Einkaufswagen, gefüllt mit echten Produkten. Im Film sollte daraus ein Lowrider werden – auf großen Chromrädern, im perfekten Winkel zur Kamera. Aber die Produkte im Korb mussten echt bleiben, pixelgenau, sonst wäre die Eigenmarke wieder im Drift gelandet. Originalaufnahmen mussten zurück in die KI-Welt geholt werden – die echten Packungen, angepasst an Perspektive, Licht und Textur der KI-Generation, bis Realität und KI nahtlos miteinander verschmolzen.

Vom Greenscreen in die KI-Welt. Regie: David Aufdembrinke, Produktion: EASYdoesit. © Kaufland-Gruppe


Das Ergebnis

Am Ende steht ein Werbespot, der mühelos wirkt – das ist das größte Kompliment für diese Art von Arbeit. Der Sommer flirrt, der Beat trägt, das Eis glänzt echt, und die Welt drumherum, die es so nie gab, fühlt sich an, als wäre die Kamera einfach durch ein besonders farbintensives Set geschwebt.

Rückblickend war der Kühlregal-Shot ein Ringen um eine Bewegung, die erst erfunden werden musste, während der Lowrider-Shot ein Balanceakt zwischen Verwandlung und Präzision war – echte Produkte mussten die KI-Verwandlung überstehen, ohne sich dabei zu verändern. Beide Shots wurden von der Regie abschließend freigegeben.

Und das ist vielleicht die eigentliche Erkenntnis dieser Produktion: KI wird im Internet gerne als Abkürzung verkauft – schneller, billiger, Hollywood auf Knopfdruck. Doch es braucht weiterhin ein gutes Auge, Kreativität und Geduld, um jede gestalterische Feinjustierung mit voller Energie und frischem Blick umzusetzen, bis jedes Detail stimmt. Die KI erschafft die Bilder. Ob sie kinoreif werden, entscheidet nach wie vor der Mensch davor.


Credits

ClientKaufland
ProduktionEASYdoesit GmbH
RegieDavid Aufdembrinke
DoPBoy Behnke
Executive ProducerDimitri Hempel
Creative ProducerAlireza Davatgar
AI LeadHannes Caspar
AI ArtistsFlorian Feldmann, Jonas Hofmann, Milad Mesof, Malte Milbrand, Robert Schrödter, Julian Trunke
CompositingBernd Macht, Martin Pedreira
RetuscheMarius Schwiegk
Postproduction AssistantDominik Reiland